Dieser Beitrag stammt von meinem Schwiegervater. Die Geschichte ist faszinierend schön. Ich danke ihm, dass ich sie hier veröffentlichen darf.
“Vor einigen Wochen fand ich wieder ein altes Schulheft, in dem eine Geschichte aufgezeichnet ist, die in unserer Region spielt.
Leider fehlt jeder Hinweis auf Entstehungszeit, Autor oder Anlass der Niederschrift, sodass ich sie nur ohne nähere Erläuterungen veröffentlichen kann.”
Die Teufelskanzel
Zwischen den Gemarkungen von Auersmacher und Kleinblittersdorf liegt das Tiefenbachtal. Sommers windet sich im Bachbett ein kleines Rinnsal, das in dem Quellgebiet auf der Höhe seinen Anfang nimmt, winters und bei der Schneeschmelze kann der Bach größere Ausmaße annehmen und das Waldtal mit seinem Rauschen mächtig erfüllen. Im Laufe der Zeit haben die Wasser den Waldboden stellenweise ausgeschwemmt und eine ziemlich große Klamm entstehen lassen. Bäume sind dabei immer wieder entwurzelt worden, haben die Wassermassen zu kleinen Tümpeln aufgestaut, die beim Abfließen wieder neue Löcher in den Waldboden gerissen haben, sodass sich heute dem Betrachter eine ziemlich wilde und manchmal wüste Landschaft darbietet, die in gewisser Weise an einen Urwald erinnert. Hie und da treten Kalksteinformationen zutage und lassen daran denken, dass unter Auersmacher Bann dieses für die Stahlgewinnung unerlässliche Material bis auf den heutigen Tag abgebaut wird.
Auf der Kleinblittersdorfer Seite des Tiefenbachtals steht eine Steinformation, die im Volksmund ‚Teufelskanzel’ genannt wird. Michel Mohr überliefert uns diese Bezeichnung in seiner Sagen- und Anekdotensammlung der oberen Saar und unteren Blies. Er spricht in diesem Zusammenhang von einem „…Frauekloschder …owwe bi da Daiwelskonzel“. Diesem Frauenkloster soll unterhalb „en klusasch (Klosters) Gaade“ ein Männerkloster entsprochen haben. Mohr weiter: „E unnairdischa Gong hadd die zween metenonna vabunn.“
Von diesen beiden legendären Einrichtungen ist kein Stein erhalten geblieben, wenn man von merkwürdigen Mauerverläufen im Wald bei der Teufelskanzel absieht, die mit einiger Phantasie auf eine ehemals vorhandene Bebauung hindeuten könnten.
Wie aber kam es nun zu der Bezeichnung ‚Teufelskanzel’?
Die Legende erzählt von einer edlen Jungfrau, die von ihrer Familie in das Frauenkloster oberhalb der Tiefenbach verbannt worden sein soll, weil sie einen jungen Mann aus adligem Geschlecht liebte , ohne dass Aussicht auf eine Heirat der beiden bestand. Aus dem gleichen Grund trat darauf der unerreichbar geliebte Spross aus vornehmer Familie in die bei der Kuchlinger Kapelle gelegene Männerabtei ein. Beide sollten von da an nichts mehr voneinander hören und sehen – so die Absicht der beiden Familien.
Auf irgendeinem Weg erhielt die Nonne jedoch Kunde davon, dass sich ihr Geliebter in ihrer Nähe aufhielt und sie sann von diesem Moment darauf, wie sich ein Wiedersehen wohl bewerkstelligen ließ.
In ihrer Herzensnot rief sie den Teufel an, der ihr dann auch leibhaftig erschien. Ihm offenbarte sie ihren sehnlichsten Wunsch und bat ihn um Hilfe.
Da dem Gottseibeiuns nichts unmöglich ist, was sich auf dieser Erde machen lässt, entwickelte er der Nonne den Plan, einen unterirdischen Gang zwischen den beiden Klöstern zu graben, der ihr geheime Treffen mit dem sündhaft geliebten Mönch ermöglichen sollte. Er stellte lediglich die Bedingung, dass sie keinem Menschen etwas von dieser Aussicht erzählen dürfe und dass sie ein kleines Papierchen unterfertigen müsse. Mit drei Tropfen ihres Blutes müsse sie unterschreiben und damit dem Leibhaftigen Herrschaft über ihre unsterbliche Seele geben, sobald der Gang fertig gestellt und damit ihr Herzenswunsch in Erfüllung gegangen sei.
In der Verwirrung ihrer Gefühle sagte das Nönnchen zu und begab sich damit schon halb in die Fänge des Satans. Er wolle in der nächsten Nacht wiederkommen und das Papier mitbringen, damit sie es mit ihrem Namen zeichne.
Gesagt, getan. Um die Geisterstunde der folgenden Nacht erschien der Diabolus abermals, brachte die schriftliche Abmachung mit und ritzte ihr mit einem silbernen Messerchen den Unterarm. Geschickt fing er drei Blutstropfen mit einer Feder auf und drückte sie der vor freudiger Erwartung fast Besinnungslosen in die Hand, damit sie ihren Namen schriebe.
Zitternd vollzog sie den teuflischen Pakt und wollte nur wissen, wann der Ruchlose mit seiner Arbeit beginnen würde.
Seine Antwort: „In der bevorstehenden Karwoche am Gründonnerstag, wenn die Kirchenglocken zu schweigen beginnen und die Grabesruhe Eures Herrn anbricht.“
Wann er denn mit seinem Werk fertig sei, wollte das begierige Nönnchen wissen
„In der Nacht vom Karsamstag auf den Ostersonntag, wenn die Glocken der Osternacht zu läuten beginnen. Beim ersten Glockenton werde ich Dich Deinem Geliebten zuführen.“
Großzügig – obwohl das sonst nicht die Art des Teufels ist – setzte er hinzu: “Sollte mir das Werk in der genannten Frist nicht gelingen, – womit ich natürlich nicht rechne – ist unser Vertrag aufgelöst und ich gebe Deine Seele wieder frei. Den begonnenen Gang muss ich dann aber auch zerstören, da er der Gegenstand unserer Abmachung gewesen ist.“
Damit verschwand der Satan und ließ eine völlig verwirrte Braut Christi zurück, die von da an nichts anderes mehr denken konnte wie es wohl sei, wenn sie ihren Geliebten umarmen und herzen könnte. Ihre Gedanken und Gefühle kreisten von da an nur noch um den einen Punkt: ihren Pakt mit dem Teufel und das sehnlichst erwartete Ergebnis.
Ihre Mitschwestern bemerkten natürlich, dass etwas Außergewöhnliches vorgefallen sein musste und versuchten zu erfragen, was in ihr vorgehe. Getreu dem ruchlosen Versprechen, das sie dem Hinkefuß gegeben hatte, keinem Menschen etwas von der Abmachung zu sagen, schwieg sie und zog sich in ihre Zelle zurück.
Dann kam der Gründonnerstag
Als das Grab Christi bereitet, die Kreuze verhüllt und der letzte Ton der Glocken verhallt war, überfiel die Nonne ein Zittern. Sie bekam starkes Fieber und sprach kein Wort mehr. Zugleich begann ein unterirdisches Rumpeln und Grollen, so als würden Steine mit großer Gewalt bewegt: der Beelzebub hatte sein unseliges Werk begonnen.
Seit Menschengedenken hatten die Bewohner der Gegend solch gewaltiges Getöse nicht vernommen. Sie trösteten sich aber mit dem Gedanken, dass die Erde, auf der sie lebten, sie immer mal wieder in Angst und Schrecken versetzte, wenn unterirdische Hohlräume in dem Kalkgestein krachend in sich zusammenstürzten.
Den ganzen Karfreitag und den Karsamstag hielt das Rumpeln an, wurde mal stärker mal schwächer und bewegte sich vom Tal zur Höhe in Richtung Frauenkloster.
Es wurde Abend und die Nacht zum Ostersonntag brach an.
Der mit dem Pferdefuß schuftete in dem versprochenen Gang dass die Steine nur so flogen. Als er sich schon fast am Ende seines Werkes sah und die Hand gewissermaßen nach der Seele des Nönnchens ausstreckte, musste auch er einmal innehalten, um ein wenig frische Luft zu schnappen. Er trat ins Freie und blähte die Nüstern. Wie ruhig das Saartal vor ihm lag, wie silbern der Mond am Himmel glänzte, wie dunkel die Bäume vor ihm aufragten – auch Teufel haben manchmal romantische Momente und dieser war so einer. Bald würde er diesen Handel – wie so viele vor ihm – erledigt haben. Nur noch ein paar läppische Meter, dann hätte er diese arme Seele in die Hölle gezogen.
Doch – was war das? Ein Glockenton von der Kuchlinger Kirche und die Glocken der Umgebung fielen freudig ein. Ein unsichtbarer Engelschor intonierte: „Christ ist erstanden…“ und damit brach der feierliche Osterjubel auf.
Der Satan hatte sein Spiel verloren!
Da dieses von Gott verfluchte Wesen die Macht über die Dinge der Erde hatte, konnte er sein Werk auch augenblicklich zerstören. Er stieß einen gotteslästerlichen Fluch aus, zerriss den gottlosen Vertrag und brachte den Gang, den er selbst gegraben hatte, zum Einsturz. Ein Blitz, ein Riesenknall – und zwischen Frauenkloster und Männerabtei öffnete sich die Erde.
Zurück blieb ein Graben, der alsbald zu einem Bachlauf wurde, den wir heute Tiefenbach nennen.
Der unseligen Nonne blieben die Ereignisse nicht verborgen, auch wenn sie seit Tagen zurück gezogen im Fieberwahn lebte. Doch im Moment des großen Donners, der aus der Erde quoll, löste sich ihre gerettete Seele aus ihrem jungfräulichen Körper und schwebte zum Himmel.
„Gerettet…“ sang ein Engelschor.
Der Teufel aber, um seine schon sicher geglaubte Beute gebracht, stieg auf einen Felsen, der in dem Chaos stehen geblieben war, verfluchte seine Absicht und sein Tun mit einer gotteslästerlichen, satanischen Verwünschung und fuhr schließlich mit schwefeligem Gestank zurück zur Hölle.
TEUFELSKANZEL nennen die Menschen bis heute diesen Ort, wo der Unnennbare gestanden hatte und hören schaudernd die Erzählungen der Alten, die diese Geschichte von Generation zu Generation weitergeben.
Soweit der Text von unbekannter Hand, dem nichts hinzuzufügen ist. Ob es sich wirklich so zugetragen hat, wie unser Autor es aufgeschrieben hat, lässt sich nicht mehr feststellen. Geblieben ist aber die Erinnerung der Menschen dieser Region an ein Ereignis, das ihrer Meinung nach nur mit dem Gottseibeiuns zu erklären ist – auch wenn es nur ein Platz in einem Wald ist, dessen rieselnde Wasser, Bäume und Sträucher sich Geschichten aus fernen Zeiten zuwispern.
Dr. Franz-Josef Reichert




















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